Newsletter · · Ashutosh Agarwal
Big Pharma lizenziert immer mehr Wirkstoffe aus China und umgeht US-Biotech-Start-ups
Biotech podcast newsletter for May 25–31, 2026. The headline gene/cell, anti-amyloid, and tools tapes were quiet, while the dominant argument was structural: big pharma is licensing its next decade of assets straight out of China, with the Wuxi Biologics / Viridian deal as the real-time tell.
Biotech Pipeline: Gen-/Zelltherapie, Neurowissenschaft und Tools
Woche vom 25.–31. Mai 2026: Big Pharma lizenziert immer mehr Wirkstoffe aus China und umgeht US-Biotech-Start-ups
Hallo zusammen, eine merkwürdige Woche auf den Podcast-Kanälen. Die Namen, um die wir uns sonst am meisten sorgen – Casgevy, die In-vivo-Editoren, Leqembi – waren diese Woche kaum präsent. Stattdessen dominierte ein weitaus größeres strukturelles Argument: Big Pharma wartet nicht mehr länger auf Washington und lizenziert die Wirkstoffe der nächsten Dekade zunehmend direkt aus China. Wer US-Biotechwerte oder die dazugehörigen Zulieferer im Portfolio hat, sollte genau diesem Faden diese Woche folgen.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Fertigungsdeal zwischen Wuxi Biologics und Viridian, unterzeichnet trotz der Belastung durch den BIOSECURE Act, ist ein Echtzeit-Beleg dafür, dass die Umgehung bereits operativ läuft und nicht nur theoretisch bleibt.
- Die Stimmung auf der Käuferseite liegt inzwischen deutlich vor der der Betreiber: Der Endpoints-Teilindex für Finanzen/Investment im zweiten Quartal sprang gegenüber dem Vorquartal um 50 Punkte auf 120, und mit 11 Biotech-IPOs seit Jahresbeginn wird bereits das Gesamtjahr 2025 erreicht.
- Die Themen rund um Gen-/Zelltherapie, Anti-Amyloid und Tools blieben diese Woche weitgehend ruhig. Wer behauptet, aus einem Podcast einen frischen Datenpunkt zu Casgevy oder Leqembi bekommen zu haben, erfindet das.
🆕 Was ist neu
1. Die Debatte um den COINS Act / BIOSECURE hat einen neuen Fürsprecher aus der Praxis, und zwar Jason Kelly. In der diesjährigen Biotech-Hangout-Folge (29. Mai) legte Jason Kelly, CEO von Ginkgo Bioworks (Ticker: DNA) und ehemaliger Vorsitzender der U.S. National Security Commission on Emerging Biotechnology, das bislang aggressivste öffentliche Plädoyer für den COINS Act vor. Seine schlagkräftigste Kennzahl: 1.100 verlorene Stellen für F&E-/Forschungswissenschaftler in Massachusetts im Jahr 2024, der erste Rückgang, den MassBio je verzeichnet hat, sowie rund ein Drittel leerstehende Laborflächen im Bundesstaat – beides führt er auf die Verlagerung der Wirkstoffforschung nach China zurück. So formulierte es Kelly in der Sendung:
„70 % der Gewinne der Therapeutika-Industrie stammen von US-Verbrauchern, die 4 % der Weltbevölkerung ausmachen … Der amerikanische Wähler bezahlt schlicht die Gewinne der Pharmaindustrie."
Den von RA Capital vorgeschlagenen „Euro-Washing"-Workaround (das Umleiten von in China entdeckten Molekülen über Europa, bevor Deals in den USA geschlossen werden) tat er als „Unsinn" ab. Die Implikation für DNA selbst: Sollte der COINS Act in einer Form nahe seiner aktuellen Fassung verabschiedet werden, wird die Synbio-Plattform plötzlich zur einzigen skalierbaren Alternative auf US-Boden für einen Teil der frühen Wirkstofferforschung, die bislang still und leise das Land verlässt.
2. Pfizer hat gerade offenbart, was Big Pharma tatsächlich denkt. In derselben Biotech-Hangout-Folge formulierte Moderator Chris Garabedian (ehemaliger CEO von Sarepta) die Gegenthese unmissverständlich: Das größere Risiko sei nicht, dass China den Zugang zum US-Markt verliert, sondern dass Pharmaunternehmen US-Biotechs schlicht komplett umgehen. Er verwies auf Pfizers jüngsten China-Lizenzdeal (nach BMS/Hengrui und GSK/Hengrui) sowie das neue Fertigungsabkommen zwischen Wuxi Biologics und Viridian Therapeutics (Ticker: VRDN), das trotz der Belastung durch den BIOSECURE Act unterzeichnet wurde. Sein Fazit:
„Ich denke, das größere Risiko besteht darin, dass die Pharmaindustrie US-Biotechs umgeht und direkt nach China geht, um dort Deals abzuschließen … Sie brauchen US-Biotechs nicht mehr. Sie brauchen auch nicht die Finanzierungsstruktur dahinter."
Das ist, in einem Satz, der Bärenfall für den gesamten Small-/Mid-Cap-US-Biotech-Komplex – und zugleich ein stiller Bullenfall für die chinesische CDMO-/Forschungsinfrastruktur. Es lohnt sich, jede Investmentthese neu zu bewerten, die davon ausgeht, dass „ein Pharmaunternehmen sie am Ende mit einer Prämie aufkauft".
3. Auch die Stimmungsdaten verraten einiges. Garabedian zitierte in derselben Folge den Endpoints-Biopharma-Stimmungsindex für das zweite Quartal 2026, der bei 96 lag (nach 90 im ersten Quartal und 78 im vierten Quartal 2025). Bemerkenswert dabei: Unter den Befragten aus dem Finanz-/Investmentbereich sprang der Teilindex zur aktuellen Lage gegenüber dem Vorquartal um 50 Punkte auf 120 – der höchste Wert aller Gruppen. Die Käuferseite ist inzwischen deutlich optimistischer als die Betreiberbasis. Zusammen mit 11 Biotech-IPOs seit Jahresbeginn, die das Gesamtjahr 2025 bereits erreichen bzw. übertreffen, darunter der Börsengang von Cardigan (über 500 Mio. US-Dollar bereits vor dem IPO eingesammelt, drei Wirkstoffe in Phase-2b für kardiometabolische Indikationen, Führungsteam ehemals bei MyoKardia), öffnet sich damit ein Kapitalmarktfenster, das es vor drei Monaten noch nicht gab. Wie Garabedian anmerkte: „Diese Reihe von IPOs unterscheidet sich etwas – sie sind später in der Entwicklung, klinisch weiter fortgeschritten", was genau das ist, was man sich wünscht, wenn der Zyklus tatsächlich real ist.
4. Ein kleiner, aber interessanter Anknüpfungspunkt zur CNS-Wirkstoffverabreichung. In DNA Today Folge #396 (29. Mai) erläuterte der Neurowissenschaftler Dr. Troy Rohn von der Boise State University, Mitgründer des privaten Unternehmens Cognigenics, deren intranasales siRNA-Programm gegen den Serotoninrezeptor 5-HT2A, mit einer geschätzten Wirkdauer von 6 bis 12 Monaten nach einer Einzeldosis, und argumentierte explizit, dass reversible siRNA-Ansätze – nicht dauerhafte CRISPR-Verfahren – die investierbarere Modalität für ZNS-Indikationen darstellen:
„Sobald es um psychische Gesundheit geht, macht das die FDA sehr nervös. Und die Investoren ebenso."
Kein Einzeltitel im engeren Sinne, aber ein nützlicher Rahmen für alle, die das regulatorische Risiko von CNS-gerichteten CRISPR-Programmen einschätzen wollen (man denke an Beams CNS-Strategie oder künftige Verve-artige Hirnprojekte). Auch der Ansatz, die Blut-Hirn-Schranke über intranasale Verabreichung zu umgehen, ist einen Vermerk wert für die breitere Debatte um CNS-Wirkstoffverabreichung.
⚖️ Die Debatte (diese Woche fast einseitig)
Der auf den Kanälen geäußerte Bärenfall: Pharma braucht US-Biotechs nicht mehr. Chinesische Assets sind billiger, schneller und – nach dem Wuxi-/Viridian-Deal – offenbar auch weiterhin finanzierbar, selbst mit dem BIOSECURE Act als Damoklesschwert. Workarounds (Euro-Washing, reine Fertigungsverträge, gemeinsame Lizenzstrukturen) vermehren sich schneller, als die Gesetzgebung Schritt halten kann. Wer eine US-Biotech in der klinischen Phase im Portfolio hat, deren Exit-Strategie „Übernahme" lautet, sieht diesen Pfad gerade enger werden.
Der geäußerte Bullenfall: Die USA wachen endlich auf. Kellys Argument lautet, dass Maßnahmen wie der COINS Act bzw. BIOSECURE keine Handelsprotektionismus seien, sondern Industriepolitik für die einzige Branche, in der Amerikaner die Medikamentenrechnung der ganzen Welt bezahlen. Sollte sich diese Sichtweise in Washington durchsetzen, könnten Plattformen mit Sitz auf US-Boden (Ginkgo, US-basierte CDMOs, heimische Gen-/Zelltherapie-Hersteller) neu bewertet werden.
Fairerweise muss gesagt werden: Der Bullenfall für die Gen-/Zelltherapie-Rampe (schneller als befürchteter Casgevy-Durchsatz, dauerhafte In-vivo-Knockdown-Daten, ein Wendepunkt bei subkutanem Leqembi, ein Wiederaufbau bei Tools) wurde diese Woche auf den Podcasts nicht geäußert. Das heißt nicht, dass er falsch ist – nur, dass kein von uns verfolgter Betreiber oder Analyst ihn in den vergangenen sieben Tagen öffentlich vertreten hat. Wir greifen das Thema wieder auf, sobald das der Fall ist.
🎯 Namen im Fokus
- Ginkgo (Ticker: DNA): Kellys Auftritt ist die deutlichste politische Rückenwind-Erzählung, die DNA seit einem Jahr hatte. Zu beobachtender Katalysator: jede Ausschussberatung oder Senatsaktivität zum COINS Act. Bärenargument: Kelly ist ein eigennütziger Fürsprecher; die kommerzielle Wirtschaftlichkeit der Plattform hat sich dadurch nicht plötzlich verändert.
- Viridian (Ticker: VRDN): Der Wuxi-Deal ist operativ gut (Kapazität gesichert), birgt aber politisches Risiko, sollte der BIOSECURE Act verschärft werden. Es lohnt sich, die Vertragsbedingungen auf Optionen zur Neuansiedlung (Re-Domiciling) zu prüfen.
- Pfizer (Ticker: PFE), BMS, GSK: die Gruppe der Lizenznehmer aus China. Implikation: Die interne F&E-Produktivitätsschwelle dieser Unternehmen für US-Assets ist gerade gestiegen. Weniger offensichtliche Käuferunterstützung für jede US-Biotech.
- Cardigan: ein zu beobachtender Börsengang; Team ehemals bei MyoKardia, spätphasige kardiometabolische Assets – genau die Art von Titel, die ein solches Marktfenster definiert.
🔁 Übertragungseffekte
- Wuxi Biologics / Wuxi AppTec: Die Unterzeichnung mit Viridian ist der bislang klarste Datenpunkt des Jahres dafür, dass der BIOSECURE Act löchriger ist als gedacht.
- US-basierte CDMOs sowie Anbieter von Virusvektoren/LNP: politischer Rückenwind, sollte der COINS Act an Fahrt gewinnen; kommerzieller Gegenwind, sollte Pharma weiterhin um sie herum agieren.
- Casgevy-Ökosystem (CRSP, VRTX), In-vivo-Editoren (NTLA, BEAM, VERV), Anti-Amyloid (BIIB/Eisai, LLY), Tools (TMO, DHR, A, RVTY, Sartorius, Repligen, ILMN, Bruker): diese Woche keine verwertbaren Podcast-Kommentare. Weder Ab- noch Aufwärtsbewegung, schlicht Ruhe. Wir greifen das Thema bei den Podcasts der kommenden Woche und den Q2-Zahlen wieder auf.
📌 Was sich verändert hat
Drei Punkte, allesamt aus der diesjährigen Biotech-Hangout-Folge:
- Der Wuxi-/Viridian-Deal ist nun ein öffentliches, namentlich benanntes Beispiel für einen pharmaseitigen BIOSECURE-Workaround. Er hört auf, hypothetisch zu sein.
- Der Wert des Endpoints-Finanz-Teilindex (+50 Punkte im Quartalsvergleich auf 120) ist die erste harte Stimmungszahl, bei der sich die Käuferseite eindeutig positiv von den Betreibern abgekoppelt hat.
- Der COINS Act hat mit Kelly nun einen prominenten Fürsprecher aus der Betreiberpraxis. Zuvor spielte sich die Debatte fast ausschließlich in Washington und bei Branchenverbänden ab.
Die Narrative rund um Casgevy, In-vivo-Editing und Leqembi haben sich nicht verändert, weil niemand aus unserem Beobachtungskreis sie diese Woche zur Sprache gebracht hat. Wir werden es sofort markieren, sobald sich das ändert.